HOTEL NEUSTADT, 2003
THALIA THEATER
Halle-Neustadt gehört zu den zahlreichen Satellitenstädten der ehemaligen DDR, die von dramatischem Bevölkerungsschwund betroffen sind. Das Festival „Hotel Neustadt“, initiiert vom Thalia Theater Halle und dem „darstellenden Architekten“ Benjamin Foerster-Baldenius vom „raumlabor_berlin“, war gleichermaßen Intervention und Antwort auf diese desolate Situation. Das Ereignis verschmolz Hallenser Jugendliche, Studenten und internationale Künstler zu einer Art Parallelgesellschaft, in der sich die Grenzen zwischen Zuschauen und Mitmachen auflösten. Selbst das Postulat der „Stadt als Bühne“ kam mitunter ins Wanken; die Architektur selbst musste mitmachen: Türen eines Gebäudes wurden ausgebaut und innerhalb des Hotels als Gestaltungsmaterial für Hotelzimmer und eine Espresso-Bar recycled. Das Hotel auf Zeit, in dem jeder Besucher beim Check-in eine „Charakterkarte“ bekam, bot auf den acht bewohnbaren Etagen Punker-, Dschungel- und Britney-Spears-Zimmer, eine Geometrie-Wohnung, eine Hippie-Kommune und ein Aggressions-Zimmer.

raumlabor_berlin, Markus Bader, Jan Liesegang & Co
türbauten Projektfilm, DVD 3 min
interaktive Rauminstallationen, soziale Konstruktionen, Transformationsprozesse

Material || Türen aus Abrisshäusern des Plattenbautyps P2 sind das Baumaterial der Aktionen von raumlabor. Jede verarbeitete Tür steht für 9,3 m² abgerissenen Wohnraum, für 2/3 verschwundene Neustädter.

Transformation || Das Funktionselement Tür wird reinterpretiert. Aus dem standardisierten Produkt werden spezifische Objekte, von Nutzern ihren individuellen Bedürfnissen angepasst. Ihre Leichtigkeit macht sie mobil.

Fahrradparcours || Mit Fahrradfahrern verschiedenster Szenen programmierte raumlabor den öffentlichen Raum des Neustädter Platzes temporär um zum Fahrradparcours. Mit 50 Türen wurde gemeinsam eine Hindernislandschaft errichtet. Der besondere Ort machte es möglich, diese sonst abgegrenzten Szenen zusammenzuführen. Raum entsteht als Konstrukt sozialen Handelns.

Espressobar || Aus 50 Türen entstand die Espressobar in der Hochhausscheibe neu. Raumlabor bauten ein Möbelband, das durch den Raum mäandernd soziale Situationen durch räumliche Uneindeutigkeit erzeugt. Es wurde als Tisch, Stuhl, Bühne, Bett und Bank genutzt. Die Elemente auf dem Vorplatz stellten eine neue Verbindung zwischen Außen und Innen her.

complizen planungsbüro Halle/Saale
sportification 03 Projektfilm, DVD 3 min
sportification 03 ist die Synthese von radikalem Sport, Musik und Sprayen mit urbanem Raum.

Die Frage war wie viel Spaß, Sport und Eigeninitiative Stadtplanung zulässt und wie viel Stadt und Architektur in neue Sportarten integriert werden kann. Dabei wurde die architektonische Ressource „Hochhaus“ sportlich genutzt. Leerstand und Abriss wurden in der kulturellen Gegenwart produktiv inszeniert.

Für sportification 03 wurden neue Formen des Sports entwickelt, Sportarten, die aus Freiheitsdrang und individueller Kreativität entstanden und den urbanen Kontext nutzen. Wir nennen dies punksports – punkarchitektur.

Das Hochhaus-Frisbee-Race agierte mit der konkreten stadträumlichen Situation von 4 leerstehenden Hochhäusern, es wurde förmlich durch die Stadt gespielt. Beim tag-master-biathlon wurde das pacman-Spiel der Videokonsolen aus den 70iger Jahren in die Realität gekippt, mit zeitgenössischer Jugendkultur bzw. –kunst – dem sprayen – verbunden, und so ein reales Laufspiel nach virtuellem Vorbild erschaffen.
Neben den genannten Sportarten gab es: Trialbiken, Balkontriathlon, Betonclimbing, Papierfliegerflow, einen rapbattle, Fingerboarden, eine BMX-show sowie den Plattenman.

Im Ergebnis erfuhr urbaner Raum – Hochhäuser und Halle-Neustadt – einen positiven Imagetransfer von Sport und Jugend und damit eine Aufwertung durch Kreativität.